Geplättet und verschraubt: einfach gute Medizin!

Nicht nur über die Arbeit mit der „Kontaktstelle HIV-bezogene Diskriminierung“ habe ich immer wieder von haarsträubenden Vorfällen im deutschen Gesundheitssystem mitbekommen und auch ich selbst habe meine Erfahrungen gemacht.

Eine Zahnärztin, die damit warb auch sehr ängstliche Patienten mit viel Einfühlungsvermögen zu behandeln und ihnen die Ängste zu nehmen, lehnte meine Behandlung aus Angst ab. Wäre es nicht so traurig, taugte es zur Satire.

Leider wird häufig aber mehr über die Negativbeispiele gesprochen – von mangelnder Diskretion bis hin zu Isoliermaßnahmen. Ich möchte hier deshalb von meiner Erfahrung im Nordwestkrankenhaus in Frankfurt berichten, denn es geht auch anders und zwar richtig gut!

An Weihnachten bekam mein Neffe eins dieser elektrischen Boards geschenkt, auf denen man sich durch Gewichtsverlagerung fortbewegt und ziemlich cool aussieht. Er konnte es natürlich kaum erwarten und probierte es auf dem Balkon aus. Mich hat es nicht lange im Sessel gehalten und ich versuchte es auch. Das sah ziemlich wackelig aus und ich hätte erkennen sollen, dass ich nicht mehr den Gleichgewichtssinn eines 12jährigen habe.

Als wir uns entschieden aufzubrechen, ging ich mit ihm raus um das Board mal auf der Straße zu testen. Ich hätte es lassen sollen. Nach anfänglich guten Versuchen wollte ich anhalten und drehte mich dabei meiner Familie zu, die gerade aus dem Haus zu uns kam. Anhalten UND drehen ist allerdings was für Fortgeschrittene. Das Board drehte sich unter mir weg und ich fiel auf den Boden.

Um es kurz zu machen: Ich hab mir beide Unterarmknochen gebrochen, wie das Röntgenbild ein paar Stunden später deutlich zeigte. Das Radiusköpfchen war am Hals gebrochen und der Processus coronoideus war ab. Wahrscheinlich müsste das operiert werde, teilte man mir mit.

In der Notaufnahme war die Hölle Arm1los und ich sollte zur Kontrolle und Besprechung des weiteren Vorgehens am Dienstag wiederkommen und mit der Oberärztin sprechen. Eine junge Krankenschwester mit einer wunderbar sympathischen berliner Schnauze legte mir die Cast-Schiene an und wir unterhielten uns was ich beruflich machte. „Ich versteh nicht, was die manchmal um HIV für ein Geschiss machen. Das ist doch heute dank der Medikamente gar kein Problem mehr und ich muss sowieso Handschuhe anziehen, wenn Blut im Spiel ist.“ Pfiffig und direkt – so mag ich das.

Das CT zeigte einen gut sitzenden Bruch und wir entschieden uns zu einer weiteren Kontrolle eine Woche später. Solange lief ich mit einer ziemlich unbequemen Cast-Schiene rum und ärgerte mich über mich selbst, warum ich unbedingt ein cooler Onkel sein wollte.

Ich hatte ja vorsorglich schon die OP- und Anästhesie-Einverständniserklärungen ausgefüllt und bei „Infektionskrankheiten“ auch wahrheitsgemäß geantwortet. Auch beim CT musste ich ein solches Formular ausfüllen und wunderte mich ein wenig darüber, dass es keinerlei Reaktion gab.. Also wieder Aufklärung über OP und Narkose. Ich war etwas nervös, denn irgendwie wartete ich darauf, dass ein „das hätten Sie uns doch längst mitteilen“ oder sowas kommt.

Bei der Kontrolle eine Woche später war dann schnell klar, Arm2dass der Bruch doch operiert werden musste, denn das Radiusköpfchen war etwas abgekippt, wie man gut erkennen kann.

Der Chirurg war sympathisch, fachlich klar und präzise. Wir sprachen über meinen Job, warum ich nicht mehr in der Klinik arbeitet und was die Gründe waren. „Ach, Sie sind selbst auch positiv? Ich sehe, Sie nehmen Medikamente, sind unter der Nachweisgrenze. Prima. Seien Sie morgen so gegen 7 Uhr in der Chirurgie, Sie sind dann gleich früh dran.“ „Das war es schon?! Cooler Typ“, dachte ich. Also weiter zur Anästhesie. Das Gleiche. Ich war ein wenig erstaunt und freute mich.

Am nächsten Morgen fand ich mich kurz vor 7 Uhr in der Chirurgie ein und war noch allein. Die Schwester am Empfang teilte mir mit, dass ich für die zweite OP-Runde geplant sei und ich musste noch ein wenig auf mein Bett warten. Wieder kein Ton zu HIV.

In meinem Bett liegend wurde ich so langsam nervös, denn es wurde ja ernst. Beim Einschleusen in den OP fragte man mich nochmal nach Infektionskrankheiten, nahm HIV nüchtern zur Kenntnis und dann nahm mich auch schon meine Anästhesistin in Empfang. Es wurden kleine Witze über den Umstand meines Sturzes gemacht und nur kurz gefragt, ob ich die HIV-Medis gut vertrage und dann war ich auch schon weg.

Als ich wach wurde, brachte man mich auch schon auf Station und gab mir ein Schmerzmittel. Das Pflegepersonal war freundlich und schaute immer mal rein, um sich zu erkundigen, wie es mir ging, schmierte mir mein Brot und ließen mich ansonsten meinen Rausch ausschlafen. Am Abend kam die Chirurgin vorbei, die mich operiert hatte und klärte mich kurz über den Verlauf der OP auf. Wieder kein Wort zu HIV.

Der Schnitt war kürzer als von mir vermutet, ich hatte kaum Schmerzen und ich konnte schon am nächsten Tag raus. Bei zwei Visiten, mit und ohne Chefarzt, wurde über die medizinisch relevanten Dinge gesprochen, HIV gehörte nicht dazu.

Nach gut 10 Tagen kann ich langsam wieder tippen, freue mich über eine gute Wundheilung und die ausgezeichnete Medizin am Nordwestkrankenhaus in Frankfurt. Klar hätte mich eine frühere OP auch schneller wieder fit gemacht, aber ich hätte auch versucht ohne OP auszukommen.

Der Umgang mit meiner Infektion war absolut professionell und zeugte von einem aktuellen, fachlich-nüchternen Wissenstand, den ich in einer guten Klinik erwarte. Weder das ärztliche, als auch das pflegerische Personal haben mir zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl gegeben, sie hätten vor mir, oder der Infektion Angst, müssten sich besonders schützen, oder sonst einen Schwachsinn, den wir in der Kontaktstelle immer wieder berichtet bekommen.

Ich darf mich hier ausdrücklich bei Frau Dr. Bufe und Herrn Prof. Dr. Rangger bedanken. Zu jedem Zeitpunkt war ich in die Entscheidungen einbezogen, hatte alle Informationen und man ging freundlich und respektvoll mit mir um. Wer eine ausgezeichnete Unfallchirurgie sucht, findet sie im Krankenhaus Nordwest in Frankfurt.

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