Schwules Blut – Böses Blut

Wieso dürfen Schwule und Männer, die Sex mit Männern haben kein Blut spenden?

Die Frage ist durchaus berechtigt, immerhin werden Schwule in diesem Land noch immer nicht gleich behandelt und erfahren häufig Diskriminierung.

In diesem Fall lohnt sich ein genauer Blick auf die Fakten, um für das politische Handeln auch die richtigen Argumente ins Feld zu führen, um so Diskriminierungen effektiv zu bekämpfen.

Laut RKI 2014 lebten in Deutschland 83.400 Menschen mit HIV, davon 68.400 Männer und 15.100 Frauen. Unter den Männern sind 53.800 MSM, also Schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben. Das entspricht 64.5% aller Menschen mit HIV und 78,65% der HIV-positiven Männer.

Unter den 80,62 Mio. Einwohnern in Deutschland leben schätzungsweise 4-6 Mio. MSM, wenn man von 5-7% ausgeht. Demnach sind 0,9 – 1,3% der in Deutschland lebenden MSM HIV-positiv – in Metropolen und Ballungsräumen sind schätzungsweise bis zu 10% der MSM HIV+. Bei Heterosexuellen sind es lediglich etwa 0,04 %. Die Verhältnisse in Zahlen sind bei MSM 1:93, bei heterosexuellen Männern 1:2.400 und bei Frauen 1:2740. Die HIV-Prävalenz richtet sich eben nicht nach Sexualverhalten, sexueller Treue oder Promiskuität, sondern aus objektiven Gegebenheiten, wie der Anzahl HIV-Infizierter innerhalb der Gruppe, der Übertragungswege und der Struktur der sexuellen Netzwerke.

Das bedeutet, dass für MSM unter 100 Sexualpartnern ein Partner HIV-positiv ist, bei Heteros ist unter 2500 Sexualpartnern eine*r mit HIV.

Jetzt frage ich mich, wie viele Sexparter*innen haben wir denn so? Haben Heteros wirklich weniger Sexualpartner*innen als Schwule? Männer mehr als Frauen?

Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2008, an der 55.000 Menschen teilgenommen haben, kommen Frauen auf durchschnittlich 7 Sexualpartner, Männer auf 10. Da frage ich mich als schwuler Mann: in einer Woche, einem Monat, oder tatsächlich im Jahr?! Kleiner Scherz, die Zahlen beziehen sich auf ein Jahr. Also müssten Frauen etwa 357 Jahre lang Sex haben, um statistisch einen Partner mit HIV gehabt zu haben, bei heterosexuellen Männern sind es immerhin noch 250 Jahre.

Noch einfacher: In einem Netzwerk von sechs Personen haben Heteros jeweils drei mögliche SexualpartnerInnen – MSM dagegen fünf. Männer, die Sex mit Männern haben, haben also eine statistisch sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit mit einem HIV-positiven Partner Sex zu haben als heterosexuell lebende Menschen.

Laut der Bochow-Studie zu Lebensstilen von Schwulen und MSM haben 11-29% mehr als 10 Sexualpartner in einem Jahr, aber auch 6-18% gar keinen, also bleiben wir mal beim Durschnitt von 10 Partnern. So hätte jeder Schwule/MSM nach bereits zehn Jahren einen Sexualkontakt mit einem HIV-positiven Partner gehabt. Gemessen an der durchschnittlichen Lebenserwartung ist es für heterosexuell lebende Menschen doch (wenigstens statistisch) eher unwahrscheinlich mit HIV in Kontakt zu kommen.

Vielfalt? Fehlanzeige!

Außerdem wird hier noch immer in Schubladen gedacht: hetero, homo – Mann, Frau. Das fahrlässig unterkomplex! Männer, die Sex mit Männern haben, Frauen, die mit bisexuellen Männern Sex haben, trans* Menschen haben auch Sex, Menschen, die mit Menschen Sex haben, die iV-Dorgen konsumieren, oder die im Knast saßen und dort Sex mit iV-Drogenkonsumierenden trans* Sexarbeiter_innen hatten, die aus subsahara-Afrika stammen…. Die Menschen sind vielfältig und Abgrenzungen und Vereinfachungen taugen nicht, um die Sicherheit von Blutsprodukten zu sichern. Und so verschwimmen schnell die Grundlagen der Prävalenzberechnungen. Die Vielfalt der Menschen und Beziehungen wird hier überhaupt nicht einbezogen.

Wie kommt es zu dieser sehr unterschiedlichen Verbreitung von HIV in unserer Gesellschaft?

Schauen wir zunächst auf die Ansteckungswahrscheinlichkeiten, wenn ein Sexualpartner HIV-positiv ist. Auf 10.000 Sexualkontakte gerechnet, gibt das CDC (Centers of Desease Control and Prevention) folgende Wahrscheinlichkeiten an:

Analverkehr                                    Vaginalverkehr

50 / 0,5%                                           10 / 0,1%          rezeptiv (aufnehmend)

6,5 / 0,065%                                       5 / 0,05%       insertiv (eindringend)

Einzelne, wissenschaftlich-dokumentierte Fälle einer HIV-Übertragung bei Oralverkehr sind beschrieben, allerdings kann aufgrund der geringen Datenlage keine genaue Angabe dazu gegeben werden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit genau ist. Allgemein belegen auch Studien, dass die Wahrscheinlichkeit vernachlässigbar gering ist.

Die 5-fach höhere Wahrscheinlichkeit lässt sich mit einem Blick auf die Beschaffenheit der Schleimhäute in der Vagina bzw im Rectum beantworten. Eine wesentliche Aufgabe des Dickdarms besteht darin dem Stuhl Flüssigkeit zu entziehen, also Flüssigkeit aus seinem Lumen aktiv in den Körper aufzunehmen. Außerdem sitzen in der Rektalschleimhaut auf der Schleimhautoberfläche Immunzellen (dendritische Zellen, Langerhans-Zellen), die einen sogenannten CD4-Rezeptor tragen. Diesen CD4-Rezeptor benötigt das HI-Virus, um in die Zelle und damit den Körper eindringen zu können. Hierbei kommt es zu einer Bindung der viralen Oberflächen-Proteine (gp120) an die CD4-Rezeptoren und infolge zur Fusion des Virus mit der Immunzelle.

In der Vaginalschleimhaut sind diese dendritischen Immunzellen zwar auch zu finden, jedoch liegen sie nicht an der Schleimhautoberfläche und die HI-Viren können sie so schwerer erreichen.

Warum aber ist dieses Thema so emotional besetzt?

Man könnte einfach sagen: „Wenn ihr mein Blut nicht wollt, dann kriegt ihr es auch nicht!“. Das wäre kein großer Verlust für den abgewiesenen schwulen Mann. Die Verletzung liegt wohl nicht in der Ablehnung des Blutes, sondern darin, dass mit dem Verweis auf die „Risikogruppe“ Schwule und MSM „unter Generalverdacht“ gestellt werden promisk und unmoralisch zu leben. Und so wehrt sie sich auf ihre Weise mit HIV in Verbindung gebracht zu werden.

Kritiker*innen des Blutspendeausschlusses weisen so das Stigma „HIV“ von sich. In einem Antrag der SPD-Fraktion und Bündnis 90 / DIE GRÜNEN im Landtag von NRW hieß es 2012: „Dennoch stellt der undifferenzierte bzw. pauschale Ausschluss von MSM von der Blutspende homo- und bisexuelle Männer unter Generalverdacht einer möglichen HIV-Erkrankung, verstärkt Vorurteile und ist daher grob diskriminierend.“ Hier wird emotional argumentiert und nicht auf Faktenlage. Nicht die sexuelle Orientierung wird hier ausgeschlossen, sondern Verhalten, dass zu einer höheren Wahrscheinlichkeit einer HIV-Infektion führt. Denn auch heterosexuell orientierte Prostituierte, die beruflich Sex mit Männern haben, sind ausgeschlossen.

Leider wird auch in diesem Zusammenhang immer wieder von „Safe Sex“ (also absolut (!) sicherem Sex) gesprochen, den es nicht gibt, weil es niemals eine absolute, 100%ige Sicherheit gibt. „Safer Sex“ ist sicherer Sex, also wenn Kondome verwendet werden, oder „Schutz durch Therapie“ gewährleistet ist, oder eine andere Form der HIV-Prävention genutzt wird. Hierzu gibt es eine Fülle an Informationen auf den Seiten der Deutschen Aidshilfe.

Kein Mensch lässt sich gerne zu einer Hauptbetroffenengruppe von HIV zählen, leider müssen schwule Männer und andere das akzeptieren. In anderen Regionen der Welt sind es junge Mädchen, das ist nicht weniger ungerecht, aber ebenfalls Realität.

Was mich ärgert, ist die Entsolidarisierung schwuler Männer mit HIV-Positiven, denn das ist der Kern dieser Wehrhaftigkeit der Kritiker*innen gegen den Ausschluss. Die dabei verwendete Sprache „Generalverdacht“, „Pauschalverurteilungen“, „risikohaftes Sexualverhalten“ ist in höchstem Maße moralisierend, stigmatisierend und ausgrenzend.

Wenn wir zulassen (sexuelles) Verhalten in einer solchen Art und Weise abwerten, geradezu kriminalisieren zu lassen, wenn wir die Zugehörigkeit zu Hauptbetroffenengruppen leugnen, fördern wir damit die Entsolidarisierung mit allen ausgeschlossen Gruppen und auch innerhalb unserer Communities.

HIV ist keine ehrenrührige, schmutzige Erkrankung, die nur Menschen trifft, die einen verwerflichen Lebenswandel haben. Jedes Jahr kommt es zu Infektionen in (monogamen) Beziehungen, weil 38% der in Beziehungen lebenden schwulen Männern auf einen HIV-Test verzichten und kondomlosen Sex haben (Bochow 2010). Ziel muss es sein, die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen mit HIV in der Gesellschaft, aber in erster Linie auch in der Community abzubauen und zu beenden.

„Tabus, Scham und Vorurteile verhindern im hohen Maße eine offene Kommunikation über sexuell und durch Blut übertragbare Infektionen in Beziehungen sowie zwischen Arzt und Patient. Insbesondere Menschen mit HIV, Hepatitis B und C erfahren nach wie vor Diskriminierung im Alltag, in Beziehungen, im Arbeitsleben, im Gesundheitswesen, im Pflegebereich, im Justizvollzug und in anderen Bereichen.“ (BIS 2030, Strategie der Bundesregierung zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen, Berlin 2016)

Aufklärung statt Ausgrenzung!

Es ist erschreckend, wie sehr sich „straightacting als erstrebenswertes Ziel für schwule Männer etabliert hat. Wie soll Sex unter Männern jemals „straighacting“ sein? Und wenn bleibt es beim „acting“ also Schauspielern. Ist nicht vielmehr Lebensweisenakzeptanz ein erstrebenswertes Ziel? Homosexuelles Verhalten wird in der Gesellschaft noch stark abgewertet und die aktuelle Studie „Die enthemmte Mitte“ zeigt auf, dass 40,1 % der Deutschen es „ekelhaft“ findet, wenn zwei Männer sich küssen.

„Sexualität ist Teil des Lebens und für das körperliche, emotionale und mentale Wohlergehen wichtig. Sexualität und insbesondere sexuell übertragbare Infektionen sind jedoch häufig mit Scham und Tabus behaftet. So werden sexuell übertragbare Infektionen oft einem Fehlverhalten sowie einem Selbstverschulden zugeordnet. Hinzu kommt, dass es den meisten Menschen nicht leichtfällt, über Sexualität und sexuell übertragbare Infektionen zu sprechen. Eine offene Kommunikation darüber ist wichtig, um sich und andere vor einer Infektion zu schützen.“ (BIS 2030)

„Angst vor Ansteckung und Stigmatisierung im Kontext von HIV, Hepatitis B und C sowie von anderen sexuell übertragbaren Infektionen wird häufig verstärkt durch Vorbehalte gegenüber anderen sexuellen Lebensweisen und Orientierungen, illegalem Substanzkonsum, Menschen anderer Herkunft oder Sexarbeit. Die Angst vor einer Stigmatisierung kann Menschen davon abhalten, Test- und Beratungsangebote wahrzunehmen und sich dem Umfeld mitzuteilen. Stigmatisierung und diskriminierende Behandlung beeinträchtigen die Lebensqualität Betroffener. Sie führen dazu, dass Menschen sich ihrem Umfeld nicht anvertrauen und sich von Freunden oder der Familie zurückziehen und weniger Anteil am gesellschaftlichen Leben nehmen. Dies kann sowohl die psychische und physische Gesundheit als auch das Gesundheits- und Schutzverhalten Betroffener beeinträchtigen. Aufgrund von Unwissenheit, Vorurteilen und Ängsten kommt es immer noch dazu, dass mit HIV und Hepatitis infizierte Menschen im Gesundheitswesen, im Pflegebereich, im Strafvollzug, im Arbeitsleben und in anderen Bereichen benachteiligt werden.“ (BIS 2030)

 

Aus diesen Gründen halte ich es für enorm wichtig, dass wir uns nicht untereinander entsolidarisieren, sondern eine wirkliche Antidiskriminierungspolitik verfolgen. Alles andere würde die Communities weiter spalten und von dem abbringen, was wir mit CSDs und Pride-Demonstrationen erreichen wollen.

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