Warum „straightacting“ gefährlich ist

„Straightacting“ oder „heterolike“ sind Begriffe, die ich immer häufiger in Online-Profilen schwuler Männer lese. Sie sollen beschreiben, wie männlich und stark der Inhaber des Profils doch ist.

Nun, wir sind schwul und diese männlichen Attribute sollten damit klar Bezugspunkte unserer körperlichen Anziehung sein. Ich finde durchaus eine behaarte Brust und ein markantes Kinn attraktiv, Muskeln können sehr sexy sein und auch ein Bart. Aber auch ein filigraner, schlanker Körper, oder ein „bäriger Waschbärbauch“ haben ihre Reize. Übertriebenes (Macho-) Gehabe finde ich allerdings eher abstoßend, wirklich sexy ist hingegen Authentizität. Oft kann ich mich der Vermutung nicht erwehren, dass dieses Herausstellen der Männlichkeit von anderen Defiziten ablenken soll. Schade.

Dazu kommt, dass es andere Männer abwertet, die scheinbar weniger männlich sind. Ab- und Aufwertungen von Menschen sind mir grundlegend zuwider. Gerade in der LSBT*IQ-Community sollten wir doch eigentlich wissen, dass Abwertung auch unweigerlich Gewalt bedeutet und letztendlich zu körperlicher Gewalt und Misshandlung führt. Schwule Männer, egal wie männlich sie sind (oder sein wollen), bleiben dennoch Arschficker – und wie das zwischen zwei Männern „heterolike“ sein soll, muss mir erstmal einer zeigen. Und auch da wertet es den Partner ab, der dem „Aktiven“ gestattet, seinen Schwanz reinzustecken und ihm ein schönes Erlebnis bereitet. Irgendwie verschwimmen die die Grenzen zwischen „aktiv“ und „passiv“ in der Praxis doch sehr. Nicht umsonst sind „aggressive Bottoms“ besonders beliebt bei den Tops – und ein „aggressive Bottom“ ist alles andere als passiv.

Die Vermutung liegt nahe, dass in diesem Aufplustern, Muskeln zeigen und „hetero spielen“ eher ein Minderwertigkeitsgefühl schwuler Männer begründet ist, weil die heteronormartive Gesellschaft nunmal starke Männer will und keine verweichlichten, arschfickenden Schwuchteln.

Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung nagen am Selbstwertgefühl. Und ein junger Mann, der feststellt, dass er anders ist als die Eltern von ihm erwarten, macht so schon in der Pubertät eine dramatische Erfahrung des Scheiterns. Oft tritt ein Teil des Umfelds dann auch noch nach, oder erschwert das äußere Coming-Out mit homophoben Sprüchen, wie wir sie alle noch vom Schulhof kennen. Das verletzt die junge Psyche sehr.

Dass Homophobie schädlich ist, wissen wir, aber wieso jetzt auch „straightacting“?! Weil „strightacting“ letztlich nichts anderes ist, wie das Versteck- oder Rollenspiel vor dem Coming-Out. Emanzipation geht anders! Es sind also sozusagen „verinnerlichte Schuldgefühle“ aufgrund der eigenen Sexualität. Diese „internalisierte Homonegativität“, die der Psychologe Prof. Dr. Udo Rauchfleisch den „Feind von innen“ nannte, „entsteht aufgrund negativer Ansichten über gleichgeschlechtliche Orientierungen und Lebensweisen, wobei von der „Heteronormativität“ ausgegangen wird: Heterosexualität ist die Norm, alles davon Abweichende ist „schlecht“, „krank“, „sündig“.“

Also ist „der innere Feind“ eine Gefahr für die psychische und damit natürlich auch für die Körperliche Gesundheit. Menschen mit unbehandelten Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen sind von autoaggressivem Verhalten besonders bedroht. Und auch hier sind gerade junge Menschen besonders vulnerabel. 80% der Selbstverletzungen finden bei Menschen unter 20 Jahren statt und über 24 Jahren praktisch nicht mehr. Es ist also ein Phänomen der jungen Generation.

„Studien haben erwiesen, dass sich die internalisierte Homophobie massiv und sehr vielfältig auf unsere Gesundheit beziehungsweise unser Gesundheitsverhalten auswirken kann. Dazu gehört, dass etwa das Informationssuchverhalten beeinträchtigt wird, Betroffene sich also weniger Hilfe bei Fragen rund um Safer Sex oder andere Themen suchen, die mit ihrer als „schlecht empfundenen Sexualität zu tun haben. Auch das Testverhalten ist davon konkret beeinträchtigt“, sagt Dr. Dirk Sander, Fachreferent für Schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben.

Damit ist klar, wer sich für seinen Sex schämt, wird damit nicht offen Umgehen, Probleme ignorieren und mögliche Infektionen totschweigen. Totschweigen kann man das Problem HIV allerdings nicht, damit macht man es nur noch größer. Denn die meisten HIV-Infektionen geschehen in Situationen, wo die Infektion noch nicht bekannt war, wahrscheinlich sogar in der ersten Zeit der Infektion, die durch eine besonders hohe Viruslast (und damit auch Infektiosität) gekennzeichnet ist.

Deshalb ist eine diskriminierungsfreie Umgebung für eine erfolgreiche Prävention unerlässlich. „Gesellschaften, die sich erfolgreich mit Homophobie auseinandersetzen, haben größere Präventionserfolge.“ (Dr. Dirk Sander) Das Gegenteil davon erleben wir gerade in Russland. Dort infizieren sich jeden Tag 200 Menschen mit HIV, im Vergleich von 2013 zu 2014 stiegen die Neuinfektionen um zehn Prozent an, 40% durch heterosexuelle Kontakte.

Deshalb ist „straightacting“ nicht nur das Gegenteil einer wertschätzenden Selbstbeschreibung, sondern auch gefährlich aus Sicht der Prävention. „Gay pride“ wird zu „gay shame“.

Und auch mit dem Blick auf das Klima innerhalb der Community werden so Zusammenhänge deutlich. Wer seine eigene Sexualität schuld- oder schamhaft empfindet, wird andere eher für ihre freie Sexualität verurteilen und sich an den heteronormativen Moralvorstellungen orientieren. Diese Binnendiskriminerung erleben HIV-positive Schwule nicht selten. Häufig wird die Infektion auf eine hohe Anzahl von Sexualpartnern zurückgeführt, oder Sex ohne Gummi als falsch und moralisch verwerflich gewertet. In meinem Artikel „Schwules Blut – Böses Blut“ bin ich auf die Binnendiskriminerung in der schwulen Community bereits näher eingegangen.

Durch Fakten lassen sich die Wenigsten dann noch beeinflussen und Argumente wie die Nichtinfektiosität durch antiretrovirale Therapie, oder die Nutzung von PrEP greifen nicht. Von den gesellschaftlichen (patriarchalen) Normen abweichendes Verhalten wird verurteilt. Allerdings ist es viel schwieriger sich den inneren Feinden zu stellen als den äußeren.

Fast mantraartig wiederhole ich mich, wir müssen einander wertfreier begegnen, Menschen akzeptieren wie sie sind. Was geht uns das (Sexual-)Verhalten anderer Menschen an, solange es mich nicht betrifft, oder verletzt?!

Wer sich selbst akzeptiert hat, dem fällt es auch leichter andere zu akzeptieren.

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